Endre Kiss

Metaphysik oder Existenz

Über Heideggers und Jaspers’ Nietzsche-Interpretation


Die in unserem Titel aufgenommenen Perspektiven, die einerseits Martin Heideggers „Rolle” und andererseits sein „Schicksal” im Dritten Reich thematisieren wollen, spielen bewusst auf die Ambivalenz von Heideggers Attitüde. War seine „Rolle” in diesem Zeitraum die entscheidende? Spielte er eine „Rolle” in diesem Dritten Reich? Oder spielte er eine „Rolle”, die sich deutlich von derjenigen abwich, die er dort wirklich spielen wollte? Spielte er aber keine Rolle, waere sie in der Tat eher ein Schicksal gewesen, etwas, was er aehnlich wie viele anderen dort erlitt? Nun, zur Klaerung, ob er eine Rolle oder ein Schicksal im deutschen Staat Adolf Hitlers spielte, erschienen neulich viele wichtige Untersuchungen. Die Arbeiten vor allem von Farias und Hugo Ott1 brachten eine kritische Menge wichtiger Informationen in die öffentliche Diskussion, Materialen, an denen man nicht mehr stillschweigend vorbeigehen kann. Weder Farias, noch Ott schenkten jedoch Heideggers Nietzsche-Vorlesungen bei ihrer Fragestellung grössere Aufmerksamkeit. Dies ist etwas Verstaendliches und Unverstaendliches gleichzeitig. Verstaendlich ist es aus dem Grunde, weil die philosophische Erschliessung, die „Rekonstruktion” der Heideggerschen Nietzsche-Vorlesungen bis jetzt auch in der fach-philosophischen, aber auch in der apologetischen Literatur überhaupt nicht geschah, so dass dadurch unschwer der Schein entstanden sein konnte, dass diese Nietzsche-Vorlesungen bei der Entscheidung der Frage nach Heideggers Einstellung dem Dritten Reich gegenüber nicht von Belang seien2. Unverstaendlich ist es aber gleichzeitig, weil Heidegger selber in seiner 1961 verfassten „Vorrede” die Nietzsche-Texte als seinen „Denkweg” bezeichnet, der eindeutig wichtiger sei als was ihm vorangeht und was ihm folgte3. Unverstaendlich ist es auch deshalb, weil Nietzsches Philosophie auf eine sehr deutliche Art das geheime Zentrum nicht nur der philosophischen, sondern der im klaren politischen Sinne genommenen „ideologischen” Diskussionen im Dritten Reich stand, so dass Heideggers schon in ihrem Umfang auffallend intensive Beschaeftigung mit Nietzsche allein aus diesem Grunde mit grosser Wahrscheinlichkeit Stellungnahmen zur politischen Realitaet dieses Reiches enthalten müsste. Nichtsdestoweniger wird diese Unverstaendlichkeit wieder „verstaendlich”, wenn man an die sehr verspaetete und bis jetzt noch nicht vollstaendige Bearbeitung der nationalsozialistischen, bzw. faschistischen Nietzsche-Deutung denkt4.


Um den adaequaten begrifflichen und historischen Rahmen zur Erschliessung von Heideggers Nietzsche-Deutungen zu bestimmen, ist es unvermeidlich, die Bedeutung der Verbindung Heideggers zu Alfred Baeumlers zu rekonstruieren. Baeumler wird somit gleich aus zwei Gründen zur Schlüsselfigur bei der Beurteilung von Heideggers Einstellung zum Dritten Reich. Der eine Grund ist die Einschaetzung der nahen persönlichen Verbindung zwischen Heidegger und Baeumler gerade in der der nationalsozialistische Machtübernahme unmittelbar vorangegangenen Zeit5. Der zweite Grund der vorigen These stützt sich auf einen Vergleich von Bauemlers Nietzsche-Deutung mit derjenigen Heideggers. Die Interpretation Nietzsches in dieser Zeit gilt uns als der einzig mögliche und gleichzeitig „exakte” Boden, Heideggers philosophische Einstellung zum Dritten Reich auszuweisen. Die Betonung liegt in diesem Falle auf dem Wort „philosophisch”. Wohl bekannt ist in dieser Phase der Diskussion über Heidegger, dass waehrend die Problematik um die Rektoratsrede mehr oder weniger als geklaert erscheint und man in dieser Angelegenheit schon auch fast über einen Konsensus reden dürfte6, wird immer wieder gesagt, die Affaere mit dem Rektorat habe mit der philosophischen Substanz seines Werkes unmittelbar nichts zu tun.


Es ist aber auch notwendig, dass wir nach dem spezifisch Ideologischen im Dritten Reich fragen. In diesem Bereich finden wir auch die verschiedensten unterschiedlichen Stellungnahmen vor. An dem einen Extrem steht die Position, dass der Hitler-Staat keine „eigentliche” systemintegrierende Ideologie hatte, alles, was in diesem Bereich gesagt worden ist, sei letztlich so etwas wie eine sinn- und zusammenhanglose Rhetorik. Am anderen Ende der Meinungen tauchen auch Positionen auf, die schon über eine zusammenhaengende Ideologie des Dritten Reiches sprechen. Das bisher grösste Problem dabei ist, dass man diese umfassende Ideologie bis jetzt mit Begriffen beschrieb, die sich als ungenügend erwiesen, diese geistig-indoktrinaere Realitaet zu beschreiben7. Uns ist es, dass man diese Suche nach einer umfassenden integrativ-ideologischen Konzeption nicht aufgeben darf - zumal, wie wir es zeigen werden, auch Heidegger's Philosophie im/des Nationalsozialismus mit einem solchen Konzept untrennbar verbunden ist. Karl Löwith's Zeugenschaft gab naemlich zweifelsohne eine Realitaet wieder: ”Der Deutsche nimmt den Nationalsozialismus als eine Doktrin, mit der es ihm blutiger Ernst ist; die Italiener betrachtet seinen Faschismus als Mittel zum Zweck und laesst sich als Individuum durch nichts imponieren.”8.


Jenes ideologisch-quasiphilosophische Gebilde, welches in Wahrheit die Rolle dieser integrierenden und umfassenden Ideologie tatsaechlich gespielt hat, ist Alfred Baeumlers Nietzsche-Deutung. Es ist durchaus konsequent, dass Baeumlers Nietzsche-Deutung nur zur umfassenden ideologischen Doktrin des Dritten Reiches werden konnte, weil sie dieses Reich legitimieren konnte. Dieter Grimm schildert die Lage wie folgt: „Die aeltere Juristengeneration, die sich nach 1933 dem Nationalsozialismus anschloss, konnte sich den neuen Staat noch in der Endphase der Weimarer Republik nur als Rechtsstaat mit unabhaengiger Justiz vorstellen. Die jüngeren Befürworter eines totalen Staates hatten diese Position schon vorher aufgegeben. Die Begründung verdankten sie Carl Schmitt. Für ihn war das Legalitaetssystem ‘in einen auffaelligen und unabweisbaren Gegensatz zu der Legalitaet eines wirklich vorhandenen, rechtmaessigen Willens’ geraten.Dieser wurde aber nicht mehr auf den Weg verfassungsmaessiger Legalisierung verwiesen. Schmitt behauptete vielmehr, dass die Legalitaet als Denkform historisch an den parlamentarischen Gesetzgebungsstaat gebunden und daher mit dessen Zusammenbruch 1930 obsolet geworden sei. Der Staat war damit seiner rechtsstaatlichen Fesseln ledig...”9. Dieses Beispiel bezieht sich auf die juristische Legitimation, es versteht sich aber von selbst, dass der Umfang der Legitimation breiter als „nur” das Feld des Rechts ist. Alfred Baeumlers Nietzsche-Deutung erfüllte die Funktion der Legitimierung des Dritten Reiches. Das Wesentliche seiner Konzeption hat naemlich einen unmittelbaren Bezug zu der so schwierigen, sogar unlösbaren Problematik der Legitimation: Gaelte es naemlich, dass der Wille zur Macht in dem von Baeumler intendierten Gehalt metaphysich, als umfassendes Seinsgesetz ist, so kann man schon konsequent sagen, dass das Dritte Reich legitim ist. Es kann aus dem Grunde so sein, weil Baeumler den Nietzsche entliehenen Begriff des Willens zur Macht praktisch auf alle Ziele und Überzeugungen der nationalsozialistischen Bewegung abstimmte. Baeumlers Nietzsche-Deutung ist aber nicht nur aus diesem inhaltlichen und systematischen, d.h. IMMANENTEN Grunde die effektivste Legitimation des Dritten Reiches. Sie ist es auch, weil ihr Autor gerade ab 1933 in der Nazi-Hierarchie eben die Position einnahm, welche ihn zur Legitimation direkt befaehigte und ermaechtigte. Baeumler war auch seiner Position nach im Dritten Reich der Mann, dessen legitimatorische Absichten mit der ganzen Autoritaet der Partei unterstützt, bzw. aber auch vervielfaeltigt worden sind. Zu diesem Komplex gehört es aber auch, dass Baeumler als Legitimateur des Dritten Reiches zumindest in philosophischen Kreisen im breiten Ausmass tatsaechlich anerkannt worden ist10.


Erst diese dreifache Qualifizierung von Baeumlers Nietzsche-Deutung als direkte und effektive politische Legitimation des Dritten Reiches definiert jenen begrifflichen Rahmen, in welchem Heideggers Nietzsche-Deutungen, aber auch seine persönliche Beziehung zu Bauemler mit der hierzu notwendigen Adaequanz untersucht werden dürfte. Bei der Heraufbeschwörung der Zusammenarbeit, sogar Freundschaft zwischen Heidegger und Baeumler darf im Lichte dieser Fakten nicht mehr als zufaellige persönliche Beziehung angesehen werden. Hugo Ott braucht das Bild, dass Baeumler und Heidegger wie zwei Athleten am Startloch sitzen und auf einen guten Start im neuen Reich warten: „Da scharrte so mancher edler Wettkaempfer in den Startlöchern, hoffend, dem schnellsten Start zu erwischen und als erste ins Ziel zu gelangen”11. Nun, uns scheint, es ging nicht so sehr um einzelne Athleten im Startloch als vielmehr um eine Basketballmannschaft, die es versuchten, den Ball einander in den besten Positionen weiterzuspielen. Wir können in diesem Versuch die ganze Geschichte dieser Beziehung nicht darstellen - die wesentlichen Schwerpunkte erblicken wir in dem Bruch 1934, als es Baeumler letzten Endes doch nicht gelingt, mit Heidegger das deutsche Hochschulwesen praktisch in die Hand zu nehmen und seinem Freund die führende Rolle zu überspielen.


Es könnte scheinen, dass wir nach der Beschreibung der Position von Baeumler in Hitlers Staat jetzt ohne weitere Vorbereitungen direkt zum Vergleich zwischen der Baeumlerschen und der Heideggerschen Nietzsche-Deutung übergehen könnten. Dies können wir aber doch nicht tun, und zwar aus einem Grunde, der weder rein historisch-politisch, noch rein systematisch-philosophisch ist. Dieser Grund ist primaer wissenssoziologisch und gründet sich auf eben die wissenssoziologische-ideologische Qualitaet der das Dritte Reich legitimierenden Nietzsche-Deutung Alfred Baeumlers. Baeumler inauguriert naemlich eine neue wissenssoziologische Qualitaet des Denkens, die wir positive politische Metaphysik nannten12. Die Erschliessung der Bestimmungen der positiven politischen Metaphysik macht erst unsere Darstellung vollstaendig: Baeumler schuf auf Grund Nietzsches eine positive politische Metaphysik und Heidegger bewegt sich bis 1945 im wesentlichen unter den Koordinaten dieses wissenssoziologischen Gebildes. Es geht also vor allem absolut nicht darum, dass Heidegger „nur” Baeumlers Interpretation übernimmt und eine neue akademische Nietzsche-Deutung liefert, die derselben sehr aehnlich, stellenweise und sehr selten aber kritisch gegen dieselbe ist. Es handelt sich also nicht im wesentlichen um die Aehnlichkeit zweier philosophischer Nietzsche-Deutungen, die unter konkreten historischen Verhaeltnissen in politischen Kontext gestellt worden sind. Es geht letzten Endes darum, dass Baeumler ein neues wissenssoziologisches Gebilde errichtete, welches Heidegger auch übernahm. Dass die Legitimationsfunktion Baeumlers gerade letztlich in ihrer Verwurzelung in der positiven politischen Metaphysik besteht, versteht sich von selbst.


Die positive politische Metaphysik ist vor allem eine wissenssoziologisch klar abgrenzbare Denkweise, die die Legitimationsaufgabe des Dritten Reiches unmittelbar durchführte und dadurch zu einer bis heute nicht klar genug identifizierten welthistorischen Geltung brachte. In dieser ihrer Qualitaet galt die positive politische Metaphysik bestimmt als führende Ideologie Hitler-Deutschlands. Weitere Versuche, beispielsweise einen „Irrationalismus” für die wichtigste Denkweise zu erklaeren, wie dies Georg Lukács mit grosser Wirkung tat, können in einem Vergleich mit der positiven politischen Metaphysik unschwer falsifiziert werden.


Als erster qualifizierender Charakterzug der positiven politischen Metaphysik ist ihre Diesseitigkeit13. Sie bedeutet, dass die Grundlage der metaphysischen Konstruktion nicht transzendent, d.h. nicht „jenseitig” ist, wie es in den meisten religiös gefaerbten Metaphysiken der Fall gewesen ist. Politisch ist sinngemaess eine positive Metaphysik, wenn die aus der Sphaere des Diesseits genommene Grundlage der metaphysische Konstruktion im breiten Sinne genommen politisch ist. Der zweite, ebenfalls qualifizierende Zug der positiven politischen Metaphysik ist, dass sie als umfassendes Seinsgesetz aufgefasst wird. Diesem Zug können wir den schicksalhaft archaischen, sogar atavistischen Charakter der positiven politischen Metaphysik schon unschwer entnehmen, ein Seinsgesetz naemlich im Kontext neuzeitlicher Rationalitaet und nachkantischen Kritizismus spricht unmittelbar für sich. Zum Teil schon aus den bisher genannten Bestimmungen, zum anderen Teil aber aus anderen determinierenden Gründen entsteht die dreifache negative Einstellung der positiven politischen Metaphysik: sie verfügt über eine deutliche Eigenschaft der Antihistorizitaet14, der Antiwissenschaftlichkeit15 und der Eliminierung des Politischen aus dem als Ausfluss der Seinsgesetzlichkeit der positiven politischen Metaphysik interpretierten Weltprozess16.


Heideggers Nietzsche-Interpretationen befriedigen auch die strengsten Kriterien der so definierten positiven politischen Metaphysik. Ganz wie Baeumler interpretiert er Nietzsche als einen Philosophen des Willens zur Macht und versteht ihn als die diesseitige, positive Grundlage eines Seinsgesetzes. Er versteht den Willen zur Macht innerhalb seiner umfassenden Dimension auch politisch, d.h. führt die Ausdehnung einer positiven Metaphsyik in der Richtung der Politik in aller Klarheit durch17. Er versteht ferner das diesseitige Prinzip des Willens zur Macht als Seinsgesetz, oder, wie er es oft formuliert, als Gesetz, „Wahrheit des Seins”. Ebenso hundertprozentig befriedigen Martin Heideggers Nietzsche-Vorlesungen die erwaehnten, negativen Kriterien der positiven, politischen Metaphsyik. Der antihistorische Zug kommt sehr oft zum Ausdruck, das Real-Geschehene, das Histotische büsst seine Relevanz im Vergleich zur seinsgesetzartigen Metaphysik in der Regel ein. Die Anti-Wissenschaftlichkeit der Nietzsche-Vorlesungen erscheint ebenfalls vielschichtig, am auffallendsten aber auf dem geradezu schicksalhaften Gebiet der Nietzsche-Philologie. Dass das Terrain der Politik in dem des Metaphysischen in diesen Texten voll und ganz aufgeht, versteht sich schon wie von selbst.


Auf merkwürdige Art zeigt Jean Wahl eine erstaunliche Sensibilitaet für die tiefe Konnexion der metaphyischen und der politischen Einstellung im Dritten Reich: „Der (Heideggers Germanismus - E.K.) liess ihn glauben, letzten Endes hinge alles vom metaphyisch ausgezeichneten Volk ab, das gleichzeitig das Volk in Europas Mitte ist...”18 Trotz den terminologischen Schwankungen halten wir diese Einsicht Wahls für theoretisch wertvoll, unsere Frage bleibt aber, warum dieser Autor so eine Metaphysik eines Volkes philosophisch als so 'problemlos' ansehen kann, dass er diese „Fragen beiseite lassen” will19?


Mit der Einführung, bzw. Klaerung des Begriffes der positiven politischen Metaphysik können wir schon unsere bisherigen Thesen zusammenfassen:


1. Alfred Baeumlers Nietzsche Deutung formuliert eine Konzeption des Willens zur Macht als Seinsgesetzes, welche sich als die wahre politische Legitimationsideologie des Dritten Reiches erwies20;

2. diese Konzeption darf nicht als eine 'einfache' akademisch-philosophische Interpretation aufgefasst werden, in ihr artikulierte sich eine wissenssoziologisch klar definierbare Denkweise, die der positiven politischen Metaphysik;

3. Martin Heidegger stand Anfang der dreissiger Jahre in freundschaftlicher Beziehung zu Alfred Bauemler und sie erwies sich auch als entscheidend in der ersten Phase der Hitler-Diktatur;

  1. Martin Heideggers Nietzsche-Vorlesungen, die er 1961 als seinen wahren

Denkweg” in dieser Zeit apostrophierte, steht grundsaetzlich im Paradigma der Baeumlerschen Konzeption des Willens zur Macht als Seinsgesetzes.


Unsere letzte These richtet sich schon auf „rein” philosophische Inhalte. Die Frage, wo das national-sozialistische Engagement in der Philosophie Heideggers auszuweisen ist, beantwortet sich von selbst. Die Auffassung eines metaphysischen Prinzips des Willens zur Macht als Seinsgesetzes ist an sich freilich kein Nazionalsozialismus. Sie kann entweder als eine archaische, prae-kritische und in dieser ihrer Qualitaet gewissermassen schon ab ovo „gefaehrliche” Konzeption oder andererseits historisch-philologisch als eine falsche Nietzsche-Auslegung angesehen werden. Bedenkt man aber, dass diese Konzeption von dem damals führenden Ideologien des Dritten Reiches kommt21, als solche auch sanktioniert wird, sowie dass diese Konzeption den wahren legitimierenden Gedanken dem Dritten Reich liefert, so veraendert sich auch die Beurteilung dessen, wie Heideggers Nietzsche-Auslegung als Metaphysik des Willens zur Macht als Seinsgesetzes beurteilt werden muss. So tun, als ob diese Interpretation durch Zufall in Baeumlers Naehe (sowohl „persönlich”, wie auch als Legitimation) gekommen waere, ist eine Naivitaet, die nicht in die Wissenschaft, aber auch nicht in die Moral gehört - in die Moral der Wissenschaft aber doppelt nicht22.


Heideggers Nietzsche-Deutung steht - wie angedeutet - bis zum Ende des Dritten Reiches im Banne der Baeumlerschen Ansaetze. Dies haben wir mit allem Nachdruck auch als unsere These formuliert. Damit wollen wir aber nicht sagen, dass es auch nicht mehrere, zumeist geringfügige Modifizierungen innerhalb dieses Paradigmas aufgetreten waeren. Die Bearbeitung dieser Modifizierungen ergibt dann letzten Endes den Spiegel der Veraenderungen in Heideggers Philosophie und Weltsicht in dem besagten Zeitraum.


Die 1935 geschriebene „Einführung in die Metaphysik” widerspricht gleich der Theorie, Heidegger haette sich nach 1933-34 nach der Einsicht in die Irrtümlichkeit der Rektorats-Episode ins Terrain der reinen Philosophie zurückgezogen. Er sucht hier gerade nachzuweisen, dass 'das „Schicksal eines Volkes” ohne Philosophie kaum zu meistern sei. Die erhebliche, Nietzsche betreffende philosophische Bedeutung dieser Arbeit laesst sich wieder nur ins Baeumlersche Paradigma stellen: Er schwört die antimetaphysische Dimension des jungen Nietzsche herauf (vor allem auf Grund des „Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne”), um, trivial gesagt, gegen die antimetaphysische Einstellung Nietzsches selber die metaphysische Einstellung der positiven politischen Metaphysik in Anspruch zu nehmen23.


Die Nietzsche-Vorlesungen aus den Jahren 1936 und 1937 bleiben auch innerhalb des Paradigmas des Willens zur Macht als Seinsgesetz. Diese Jahre zeigen aber auch revoltierende Züge gegen Baeumler. So einer ist Heideggers Betonung der Ewigen Wiederkehr, die bei Baeumler weitgehend unterschaetzt ist, ein anderer solcher Zug besteht in der Thematisierung der Aesthetik innerhalb Nietzsches Philosophie. Diese beiden Momente lassen sich in der Tat als gewisse explizite Entfernung von Baeumler deuten, wiewohl über die Sprengung des metaphysischen Paradigmas doch überhaupt nicht die Rede sein kann. Ein Beispiel für die letztere These ist, dass die neu eingeführte Ewige Wiederkehr ebenfalls deutliche metaphysische, d.h. seinsgesetzliche Züge annimmt, so dass für Heidegger das neue Problem entsteht, die Beziehung dieser beiden Arten der Metaphysik zu bestimmen24. Heidegger geht dabei so weit, Baeumler wegen dieser mit der Politik identifizierten Metaphysik (was von dieser Seite aus gesehen identisch mit unserem Begriff der positiven politischen Metaphysik ist) offen anzuklagen25. Dies alles bedeutet aber nicht - und das betonen wir auch für diese Jahre der Revolte gegen Baeumler, dass er über das Paradigma selber hinausgegangen waere.


1939 dominiert wieder der Wille zur Macht als Seinsgesetz in Heideggers Nietzsche - Vorlesungen. Dies bedeutet eine deutliche Rückkehr zu den Positionen der Jahre 1933 - 1935, gleichzeitig das Zurückgehen der Bedeutung des Gedankens der ewigen Wiederkunft. Sie wird sehr deutlich wieder von der aeusseren Geschichte bewirkt. Die Einsicht in diesen Gedanken soll „künftige Entscheidungen” bestimmen26 (26), der Gedanke des Willens zur Macht wird als „der einzige Gedanke” Nietzsches genannt27. In diesem Jahr identifiziert er die Akzeptierung des Gedankens des Willens zur Macht mit derselben des Weltkrieges und betont, dass die „Geschichte über das Seiende” entscheidet'28. Nicht nur aus persönlichen, sondern auch tieferen strukturellen und philosophischen Gründen muss Heidegger in seinem Verharren im Baeumlerschen Paradigma immer wieder zur Legitimation des Bestehenden, diesmal sogar zu der des Krieges kommen. Zwar auf den ersten Augenblick gewiss mit hermeneutischen Schwierigkeiten, so doch ganz klar identifiziert Heidegger die „Gerechtigkeit” mit dem Willen zur Macht als Seinsgesetz, was sofort aus zwei Gründen aeusserst charakteristisch ist. Einerseits ist es so, dass die Identifizierung des Willens zur Macht als Seinsgesetzes mit der Gerechtigkeit praktisch den konkreten Gehalt des Willens zur Macht vollkommen bejaht, im Klartext die Realitaet im Dritten Reich ist „gerecht”. Andererseits gewinnt diese Aeusserung noch eine zusaetzliche Aktualitaet: Mit dem Anfang des Weltkrieges sagt Heidegger damit auch, der Weltkrieg als Manifestierung des metaphysischen Prinzips wird sich als „gerecht” erweisen, den Menschen bleibt nichts anderes übrig, als den Krieg mitzumachen und so durch ihre Aktivitaet das Seinsgesetz walten zu lassen. Der angesprochene Text lautet so: „Die Gerechtigkeit ist es, worein sich das auf sich selbst stellende Leben gründet. Das Für-wahr-halten empfaengt Gesetz und Regel aus der Gerechtigkeit. Sie ist der Wesensgrund der Wahrheit und der Erkenntnis, ist es freilich nur, wenn wie ‘die Gerechtigkeit’ im Sinne Nietzsches metaphysisch denken und zu begreifen suchen, inwiefern sie die Seinsverfassung des Lebendigen, d.h. des Seienden im Ganzen meint.”29


In den Nietzsche-Vorlesungen des Jahres 1940 erscheint als das vielleicht wichtigste Element der „Nihilismus”. Dieser Nihilismus erscheint vom Komplex der politischen positiven Metaphysik verhaeltnismaessig unabhaengig und will eine Haltung begründen, die den als metaphysisch gedeuteten Krieg zu ertragen hilft. Der Krieg ist freilich noch metaphysisch, diese Einsicht ist notwendig, um ihn bewusst zu führen. Die Metaphysik legitimiert wieder das Bestehende, die Zielsetzung einer bewussten Kriegsführung verraet wieder den sich mit seinem Regime identifizierenden Philosophen: „Nur wenn das beginnende Zeitalter ohne Vorbehalt und ohne Verschleierung auf diesen Grund (die philosoohische Grundlehre der Metaphysik - E.K.) zu stehen kommt, vermag es den ‘Kampf um die Erdherrschaft’ aus jener Bewusstheit zu führen, die dem Sein entspricht, das dieses Zeitalter traegt und durchwaltet.”30 Die Einsicht in diese metaphysische Wirklichkeit des Krieges induziert ihrerseits den vorhin schon erwaehnten dezisionistisch gefaerbten Nihilismus, weil der Kriegsführende an keine obersten Werte mehr glaubt. Dieses Moment scheint im ersten Augenblick sehr nüchtern und objektiv zu sein - dieser Krieg vertritt keine Ziele der menschlichen Gattung und kann mit oberster Wertsetzung kaum in Verbindung gebracht werden. In Wahrheit ist diese Einsicht in die „Wertlosigkeit” des Krieges rüstet die Hörer aus, diesen Krieg trotzdem mitzumachen, da er eben metaphysisch ist, daher die Notwendigkeit des dezisionistischen Charakters: „Der Kampf um die Weltherrschaft und die Ausgestaltung der ihn tragenden Metaphysik bringen ein Weltalter der Erde und der geschichtlichen Menschentums zur Vollendung; denn hier verwirklichen sich aeusserste Möglichkeiten der Weltbeherrschung und des Versuches, den der Mensch unternimmt, rein aus sich über sein Wesen zu entscheiden.” 31. Man muss also „rein aus sich selbst über sein Wesen entscheiden”, mit anderen Worten, die „aeussersten Möglichkeit der Weltbeherrschung” auch ohne eigene gültige Wertvorstellungen zu erkaempfen. Wieder mit anderen Worten: Man muss für die Weltherrschaft kaempfen, auch wenn man mit diesem Kampf keine positiven Wertvorstellungen verbinden kann (deshalb geht es um „Nihilismus”), weil dieser Kampf vom Willen zur Macht als Seinsgesetz bestimmt ist. Diese Auesserung - und sie ist nur ein einziges Beispiel - als Zeichen eines „inneren Widerstandes und innerlicher Revolte” gegen das Dritte Reich zu interpretieren, waere gewiss forciert. Ebenfalls 1940 ist das Jahr, als Heidegger selbst seinen Wahrheitsbegriff der alethea veraendert, und zwar zugusten einer Erhaertung des Gedankens des Willens zur Macht32. Wir wollen hier dieses Moment nicht weiter erörtern, als Symptom ist es aber eine weitere Bestaetigung der Rückkehr Heideggers zu den Positionen der Jahre 1933-1935.


1941 erscheinen in den Nietzsche-Vorlesungen neue Akzente der Existenzialontologie, selbst der Termin „Existenz” ist in diesem Kontext neu33, es tauchen auch christliche Momente auf, das Seinsgesetz nimmt christliche Züge an. Dieses Jahr markiert wieder Heideggers Loslösung von einem staerkeren Programm des Willens zur Macht als Seinsgesetzes, welches immer als Indiz seiner Identifizierung mit dem Dritten Reich, bzw. dessen Zielen aufgefasst werden durfte.

1944-46 aendert sich das Bild wieder. Aus dem vom Weltkrieg herausgeforderten Nihilismus wird einer der zweitausendjaehrigen abendlaendischen Philosophie, Probleme wie Sprache und Technik erscheinen als zentrale Momente an Stelle der positiven politischen Metaphysik des Willens zur Macht als Seinsgesetz. Der Bezugsrahmen des Willens zur Macht als Seinsgesetz war früher selbstverstaendlich Deutschland und das Dritte Reich - Heideggers Wendung zum Abendlaendischen ist sonach ein allzu sichtbares Zeichen seiner neuen Situation. Ferner wird der Wille zur Macht kein Seinsgesetz, welches sozusagen „wertlos” und objektiv arbeitet und so gegebenenfalls auch durch den Nihilismus führt - jetzt erscheint das Sein im wesentlichen als Wertkategorie und der gelegentliche Mangel des Wertes erzeugt Nihilismus. Das Sein wird unter Wertkategorien gestellt - gerade 1944-46! Man könnte dazu hinzufügen: Die Welt wird bei ihm wieder unter Wertkategorien gestellt. Verwendet man die Modifizierung dieser Philosopheme an die noch durchaus nahe Vergangenheit, so ist der grundsaetzliche Wandel in Heideggers Sicht wieder sichtbar. Dass aber dieser Wandel spontan sich einsetzte und mit der militaerischen Niederlage des Dritten Reiches nichts zu tun haette, können wir uns sehr schwer vorstellen. Die Wirklichkeit des Dritten Reiches wird nicht mehr als Ausfluss eines Willens zur Macht als Seinsgesetzes aufgefasst, sondern Konsequenz einer zweitausendjaehrigen Geschichte des Abendlandes. Die Metaphysik wechselt ihre Basis, sie wird „abendlaendisch”: „Das abendlaendische Menschentum wird...allen seinen Verhaeltnissen zum Seienden, d.h. auch zu sich selbst...von der Metaphysik getragen und geleitet. Man weiss nicht, was in der Gleichsetzung von Metaphsyik und Nihilismus grösser ist, die Willkür oder der Grad der Aburteilung unserer ganzen bisherigen Geschichte.”34 Ein weiteres Zeichen dieser Wendung ist ohne Zweifel auch, dass Heidegger in diesen Jahren oft in expliziter Weise versucht, Elemente der Nietzsche-Interpretation mit seinem Hauptwerk „Sein und Zeit” in Verbindung zu bringen, um auf solche Art eben die Kontinuitaet seines Denkweges zu demonstrieren.

In der Einleitung sprachen wir über die „Rolle” und über das „Schicksal” Martin Heideggers im Dritten Reich. Anfangs hatte er eine grosse Rolle gespielt, er sehnte sich aber nach noch grösseren Rollen. Dies hat er auf die Inhalte und die Strukturen der positiven politischen Metaphysik aufgebaut. Spaeter hatte er nicht so sehr eine ”Rolle” - er hatte sein „Schicksal” im Dritten Reich, er trennte sich aber auch in diesem Schicksal nicht endgültig von der Metaphysik des Willens zur Macht als positiver politischer Metaphysik.


Karl Jaspers' Auslegung Nietzsches als eines Metaphysikers der Immanenz


In seiner erstmals 1935 erschienenen Nietzsche-Grossmonographie (Nietzsche. Einführung in das Verständnis seines Philosophierens) widmet Jaspers das zentrale Kapitel "Weltauslegung" einer unmittelbaren Erschliessung der Philosophie Friedrich Nietzsches.

Nicht wenige Eigenschaften dieses Erschliessungsversuches würden bestätigen, dass die Interpretation von Karl Jaspers wohl den bis dahin anspruchsvollsten Versuch einer genuin philosophischen (oder was angesichts der tatsächlich verlaufenen Nietzsche-Rezeption noch viel gewichtiger ist, einer genuin "fachphilosophischen") Nietzsche-Deutung überhaupt darstellt. Dafür spricht, dass im Prinzip Nietzsches sämtliche wesentliche Denkperspektiven mit einer bis dahin unbekannt intensiven Mobilisierung der Nietzsche-Texte rekonstruiert werden. Schon diese Eigenschaften machen diese Interpretation zu einer Ausnahme in der Geschichte der Nietzsche-Deutung. Erstens war auf diese Feld nicht gerade üblich, zumindest in der Intention saemtliche Denkperspektiven des Philosophen in die Untersuchung einzubeziehen, darüber, zweitens, ganz zu schweigen, dass so viele Denkperspektiven auch noch mit den eigenen Texten des Philosophen konfrontiert, bzw. verifiziert werden. In der ungarischen Literaturgeschichte lebt eine Legende von einer Dichterin, die nur eine einzige Nacht mit dem grössten Dichter ihrer Zeit verbrachte und ein ganzes Buch über den Dichter schrieb. mutatis mutandis liesse sich wohl sagen, dass es viele Nietzsche-Interpretationen gab und gibt, die nur ganz wenige Denkperspektiven mit sehr mangelhafter philologischer Untermauerung als wahre Grundlage ihrer Interpretationsarbeit aufweisen können.

Karl Jaspers’ im Vergleich zu den früheren Massstäben vielseitigste und anspruchsvollste Nietzsche-Interpretation ist aber andererseits auch ein Phänomen eines in den dreissiger Jahren einsetzenden neuen Zeitalters der Nietzsche-Interpretation, die durch Namen wie Alfred Bäumler, Martin Heidegger, Walter Kaufmann oder Karl Löwith angedeutet werden kann (unsererseits würden wir Max Schelers vielseitige, vielbeachtete, kreative und unablässige Aktivitäten um ein intensives und sachlich ausgewertetes Weiterdenken der Nietzscheschen Philosophie gern mit hineinrechnen). Dieser neue Zugang zu Nietzsche, der ja allein schon wegen der fatalen geschichtlichen Entwicklung zeigt weitere merkwürdige Züge. Ähnlich Jaspers, sie alle wollen "plötzlich" "ganzheitliche" Nietzsche-Interpretationen liefern, in einem bis dahin kaum bekannten Sinne des Wortes "ganzheitlich". Darüber hinaus erachten sie in diesen "ganzheitlich" gedachten Nietzsche-Auslegungen alles andere als eine nur akademische Angelegenheit, sie entwerfen diese Darstellungen im Bewusstsein, ein "geheimes Zentrum" der philosophischen Weltproblematik aufzufinden35.

Es zeugt von Jaspers stark ausgeprägter methodologischer Bewusstheit, dass er beim Einstieg die folgende Frage stellt: "Es ist angesichts dieser entschiedenen Einsichten Nietzsches zunächst erstaunlich, dass er selber eine neue eigene Totalauslegung der Welt vollzieht: als ein Behaupten von dem, was eigentlich ist"36. Damit berührt Jaspers nicht nur ein fundamentales Problem jeder Nietzsche-Interpretation, so etwa die Relation der "ausgelegten" zu den "positiven" Inhalten oder, um nur ein anderes Beispiel zu nennen, die Relation des definitiven philosophischen Perspektivismus zu eventuellen positiven Totaldeutungen.

Die von Jaspers auch selber exponierte Dualität zwischen einer "Interpretationsphilosophie ohne zentrale positive Idee" oder "Nietzsches Interpretation grundsätzlich um einer positiv-umfassenden Idee herum" bezieht sich selbstverständlich auf seine eigene Interpretationsarbeit. Seine gut gestellte methodische Alternative entzieht ihn nicht dem Zwang, in dieser Alternative seine eigene Entscheidung treffen zu müssen. Jaspers kommt zum Ergebnis, dass Nietzsche letztlich eine spezifische "Metaphysik" schuf, eine Metaphysik, die "den grossen philosophischen Weltsystemen des 17. Jahrhunderts in der Gedankenform zu entsprechen scheint"37.

Jaspers’ Interpretation der Philosophie Nietzsches als "Metaphysik des Willens zur Macht" lässt sich mit Grund sowohl mit Heideggers wie auch mit Bäumlers ähnlich auf die Metaphysik-These konzentrierten Deutungen vergleichen. Unsere These ist, dass diese Ähnlichkeit besteht, dass aber Karl Jaspers auf der Grundlage der Metaphysik-These nicht nur eine autochthone und eigene Nietzsche-Interpretation erarbeitete, die in ihrer puren Existenz eine direkte und vernichtende Polemik gegen Bäumlers und Heideggers Interpretationen verkörpert. Es mag heute vielleicht direkt auffallen, war es doch eher ein natürlicher Gestus, dass Jaspers diese Intention im Vorwort seines Buches selber betont hatte: "Mein Buch möchte eine Interpretation sein, die unabhängig vom Augenblick ihrer Entstehung sachlich gültig ist (!). Aber in jenem Augenblick von 1934 und 1935 wollte das Buch zugleich gegen die Nationalsozialisten die Denkwelt dessen aufrufen, den sie zu ihrem Philosophen erklärt hatten"38. Unser wichtigstes Anliegen in diesem Versuch wird es sein, diesen Kampf Jaspers’ gegen den "philosophischen" Nationalsozialismus in allen wesentlichen Punkten aufzuzeigen, einen Kampf, der allerdings, wie Jaspers es selbst aussagt, im Rahmen der wissenschaftlich-sachlichen "Gültigkeit" ausgefochten worden ist, ja, selber vieles überhaupt zur Herstellung der Forderungen nach sachlicher Gültigkeit in der Nietzsche-Forschung zum ersten Mal geleistet hatte.

Die Umrisse einer Problemstellung, ausgedrückt in der Kapiteleinteilung oder in der Auswahl der leitenden Kategorien der Interpretation, sind bewusste oder auch unbewusste Folgen und Konsequenzen von grundsätzlichen und sich als strategisch erweisenden interpretatorischen Entscheidungen. Durchgehend bewahrheitet sich diese Einsicht bei jeder Nietzsche-Interpretation. Denn die oben beschriebene Auswahl aufgrund einer interpretatorischen Vorentscheidung leitet die Selektion der bestimmenden philosophischen Perspektiven aus einer philosophischen Substanz, die im wahren Sinne des Wortes aus unzähligen positiv bestimmten philosophischen Perspektiven besteht. Gesteigert wird die Bedeutung der grundlegenden Kategorisierung in der betreffenden historischen Periode, in der - wie davon schon die Rede war - zum ersten Mal in der Geschichte der Nietzsche-Rezeption eine ganzheitliche Interpretation der Philosophie Nietzsches plötzlich an die philosophische Tagesordnung kommt, und zwar gleich so, dass die Auseinandersetzung mit ihm zum zentralen Betätigungsfeld der "philosophischen Politik", aber auch - wie es der Fall Bäumler und Heidegger unter Beweis stellen können - der "politischen Philosophie wird.

Die grundsätzliche Kategorisierung trägt die Keime der Willkürlichkeit auch in dem Sinne in sich, dass die zur Grundlage ausgewählten einzelnen Begriffe gerade durch den Akt der sie isolierenden Auswahl kaum mehr miteinander vermittelt werden können. Der pure Akt der Auswahl trennt im weiteren die grundsätzlichen Kategorien voneinander, was bei Nietzsche eine Bedingung ist, die nie aus dem Horizont der Interpretation ganz verschwinden kann. Exemplarisch zeigt sich diese Problematik in Jaspers’ Grundkategorisierung (die dann im Laufe seiner Rekonstruktion mit positiven Inhalten ausgefüllt werden).

Die sechs "Grundgedanken" Nietzsches (die alle in einem gesonderten Kapitel zur Analyse kommen), auf welche sich die vorhin umrissene methodologische Überlegung bezieht, sind die folgenden:


1) Der Mensch

2) Wahrheit

3) Geschichte und gegenwärtiges Zeitalter

4) Grosse Politik

5) Weltauslegung

6) Grenzen und Ursprünge

Es fällt gleich auf, dass die sechs Grundkategorien eine spezifische "Verdoppelung" zeigen. Denn es liegt auf der Hand, dass "Geschichte und gegenwärtiges Zeitalter" und "Grosse Politik", oder "Wahrheit" und "Weltauslegung", aber auch, dass "Der Mensch" und "Grenzen und Ursprünge" in der nächsten Nähe zueinander stehen. Stellt man diese "verdoppelten" Grundkategorien oder wie Jaspers sie nennt, "Grundgedanken" in eine adäquate Reihenfolge, so ergibt sich das folgende Bild:


1 Mensch 2 Wahrheit 3 Geschichte/Gegenwart



6.Grenzen/Ursprünge 5 Weltauslegung 4 Grosse Politik


Angesichts dieser Ordnung wird die Vermutung zur Hypothese. Die "Verdoppelung" der "Grundgedanken" Nietzsches hatte bei Karl Jaspers eine konkrete Absicht. Denn was würde in einem entgegengesetzten Fall erklären, dass etwa "Wahrheit" und "Weltauslegung" nicht unter die gleiche Kategorie fallen. An diesem Punkt wird es unerlässlich, dass der Inhalt der einzelnen "Grundgedanken" zusammengefasst wird. Es versteht sich von selbst, dass diese inhaltliche Zusammenfassung im Rahmen dieses Versuchs nur kurz ausfallen kann, wiewohl alles Notwendige gemacht worden ist, den Inhalt der einzelnen Grundgedanken adäquat wiederzugeben.

Der erste "Grundgedanke" (auch als Erstes Kapitel) lässt sich als Jaspers’ zusammenfassende Rekonstruktion von Nietzsches Anthropologie auffassen. Erwähnenswert ist die Auffassung des Übermenschen als etwas "Unbestimmten", stets immer "Höhergehenden". Die ganze Problematik der oben angedeuteten grundsätzlichen Kategorisierung erscheint hier mit voller Kraft. Es wird - anthropologisch - zum Menschen zurückgegangen, wiewohl die beim Aufbau der Anthropologie bestimmenden Motive in diesem Akt noch mit Notwendigkeit "unfundiert" bleiben: "Wenn für Nietzsche alles hinfällig zu werden scheint, was gegolten hat, so ist ihm um so entschiedener zu tun um den Menschen. Ihm ist jederzeit der bewegende Antrieb sowohl sein Ungenügen am gegenwärtigen wie seine Sehnsucht und sein Wille zum eigentlichen und möglichen Menschen"39. Anthropologie erscheint scheinbar als ein Feld, auf welches man zurückziehen kann, obwohl es kaum einsehen lässt, warum sie ein "sicheres" Feld wäre, wenn alles "hinfällig zu werden" anfängt. Erstaunlich unsicher, gleichzeitig aber auch differenziert setzt sich Jaspers im Kontext des "Grundgedankens Mensch" mit der Moralkritik auseinander. Zum einen nennt er "zwei Zirkel" in dieser Moralphilosophie ("Moralität entspringt der Unmoralität", "Moralkritik entspringt der höchsten Moralität")40, setzt aber gleich hinzu, dass diese nur "formale" Zirkel sind, "deren Ergebnis nicht logisch, sondern aus existentiellem Grunde ebenso das Sichselbsttragen im Selbstbehaupten, wie das Sichselbstverneinen im Selbstmord der Moral sein kann"41. Diese Situierung des Anthropologischen im Moralischen und auf diesem Wege im Existentiellen kann schon auch als ein möglicher Übergang des ersten "Grundgedankens" in den sechsten ausmachen.

Dass der sechste "Grundgedanke" in der Jaspersschen Nietzsche-Deutung von Anfang an eine existentielle Dimension aufweist, versteht sich von selbst: "Nietzsche hat die uralte Frage der Theodizee, die im Altertum ihre Tiefe im Prometheus des Äschylus und im Buch Hiob erreichte, in neuerer Zeit durch Leibnitz rational erörtert wurde, in ursprünglicher Weise gestellt. Sein Philosophieren gewinnt den erschütternden Anstoss durch die Sinn- und Wertfrage, seine Erfüllung in der Weise seines JA zum Sein oder vielmehr als das Denken des Ja, das ihm das Sein selbst ist"42. Diese Intonation verrät, dass Nietzsche in dem sechsten "Grundgedanken" als origineller "Existenzdenker" erscheint. Im folgenden unternimmt Jaspers ernstzunehmende Schritte, das auf diese Weise rekonstruierte Existentielle in reiner Form darzustellen, d.h. es dem Zusändigkeitsbereich anderer kategorieller Subsysteme, so vor allem dem des Psychologischen, zu entziehen: "...ist klar, dass keiner der von Nietzsche gemeinten Zustände eine blosse Stimmung oder ein blosses Erlebnis sein kann. Sie sind vielmehr selbst das Übergreifende und Durchdringende, Ursprung der lebensbeherrschenden Antriebe: die Existenz kommt in ihnen und ihrer Bewegung zum Bewusstsein ihrer selbst und des Seins"43. Die bei Jaspers eben herausgearbeitete "existentielle" Dimension steht jedoch in einer sich im spaeteren als entscheidend erweisensen Relation zur metaphysischen Auffassung des Seins: "Es ist für Nietzsche nicht nur ein gedanklicher Prozess, der im Philosophieren aus dem souveränen Werden zum Sein (in der Form des Willens zur Macht als Metaphysik - E.K.) zurückkehrt, sondern in ihm ein Umschlag der existentiellen Haltung..."44. Damit entsteht bei Jaspers eine entscheidende Isomorphie zwischen dem "Bewusstsein der Existenz" und der "Metaphysik" als "Wissen von den Dingen in der Welt" in der Form des "Willens zur Macht". Diese Isomorphie (die für unser Interpretationsziel von der grössten Wichtigkeit ist) hebt jedoch Jaspers’ Befremden angesichts der (von ihm auch rekonstruierten) Konzeption des Willens zur Macht als Metaphysik auf: "...ist dieses Sein, welches für den philosophisch transzendierenden Gedanken aus dem Werden hervorgeht, radikal zu unterscheiden von dem Sein, das durch den Willen zur Macht aus dem Festmachen seiner Denkbarkeiten als das Wissen von den Dingen in der Welt entsteht"45. Es heisst auch, um es vorläufig zu summieren, dass für Jaspers das Existentiale keinesfalls mit dem Metaphysischen zu verwechseln sei, obwohl auch er - als Nietzsche-Interpret - Nietzsche das philosophische Hervorbringen einer positiven Metaphysik durchaus eindeutig zuschreibt. Im folgenden können wir diejenigen Vorstellungen im Konkreten studieren, die - auch für Jaspers´ eigene Philosophie relevant - für ihn die Substanz einer existentiellen Nietzsche-Deutung ausmachen: "In der Gesamtheit der >Zustände< - der überwindenden Bewegung, dann des vornehmen Seins, des heroischen Daseins, der dionysischen Seele, schliesslich der mystischen Vollendung eines Seinsinneseins - ist der Kreis dessen umschritten, worin Nietzsche das ursprüngliche und umgreifende absolute Bewusstsein der Existenz umfasst, aus dem alles wahre Denken, Mitteilen, Handeln und Sichverhalten, die Weise des Weltseins, die Antwort des Ja zum Dasein hervorgeht; darum aber kann dieses absolute Bewusstsein nicht selbst, als ob es ein blosses Dasein in der Welt wäre, seinerseits noch einmal bedingt sein durch etwas, das nur für es da und nur ein Teil des Ganzen ist. Hier vor dem Ursprtung existentiellen Seins hört das Fragen und das Wissen auf"46.

Fasst man jetzt das erste Paar der "Grundgedanken" Nietzsches in der Interpretation von Jaspers vorläufig zusammen, so lässt sich sagen, dass sowohl die Anthropologie (via Moral), wie auch das (bei Jaspers festgestelltem aber mit Nietzsche nicht geteilte) Metaphysische gleich im Existentiellen aufgehoben sind. Dies wird im Kontext der Argumentation für unsere These über den sachlich begründeten, nichtsdestoweniger jedoch polemischen Charakter des Jaspersschen Nietzsche-Interpretation eine erhebliche Rolle spielen.

Betrachtet man jetzt das zweite Paar der "verdoppelten Grundgedanken" Nietzsches in der Interpretation von Jaspers, so liegt zunächst sowohl die Tatsache, wie auch die Richtung der "Verdoppelung" auf der Hand. Denn der zweite "Grundgedanke" Nietzsches ("Wahrheit") thematisiert Nietzsches Erkenntnistheorie, macht einen Unterschied zwischen dem "wissenschaftlichen" und dem "philosophischen" Wahrheitsbegriff aus, weist die Grenzen des "wissenschaftlichen" Wahrheitsbegriffs auf und kommt beim Begriff der "Auslegung" der Welt an, deren Wahrheitsbegriff relevanter als der der "Wissenschaft" ist47. Es ist eine schöne Bestätigung unserer Annahme von der Struktur der Jaspersschen "Verdoppelung" der philosophischen "Grundgedanken" Nietzsches, das das ganze fünfte Kapitel den Titel "Weltauslegung" trägt. Eine Definition der so interpretierten "Auslegung" lautet so: "Nietzsches Einsicht in die Grenzen der Wissenschaft, deren vermeintliche Voraussetzungslosigkeit eine verharmlosende Täuschung war, sowie seine Erfahrung des grenzenlos bewegenden Antriebs schaffenden Philosophierens haben ihn an bestehender Wahrheit zweifeln lassen. In der Bewegung dieses suchenden Zweifels entwickelt er eine Theorie des Wahrseins: Alles Wissen ist Auslegung des Seins durch ein erkennendes Leben; Wahrheit gibt es nur dort, wo sie gedacht und geglaubt wird, im Leben, das das Umgreifende des Seins ist, das wir sind, und das vielleicht alles Sein ist. Hier aber ist ihm Wahrheit nicht ein für sich Seiendes, nicht ein Unbedingtes und nicht ein schlechthin Allgemeines; vielmehr: Wahrheit ist mit dem Sein des Lebendigen in einer von ihm ausgelegten Welt unlösbar verbunden. Diese Welt selbst aber ist, wie sie für uns ist, mit uns ständig in dem zeitlichen Prozess des Werdens"48. Es verdient in diesem Zusammenhang noch genannt zu werden, dass Jaspers an dieser Stelle die "wissenschaftliche" (und "wissenssoziologische") und die "existentielle" Deutung des als "Auslegung" aufgefassten Wahrheitsproblems deutlich voneinander unterscheidet: "Der...Gedanke von der Scheinbarkeit der Wahrheit nimmt in der Durchführung eine zweifache Bedeutung an. Er wird erstens zu einer Theorie, welche anwendbar ist zu psychologisch-soziologischer Erklärung von Weisen des Fürwahrhaltens. Zweitens ist die Theorie aber als sie selber ein Ausdrucksmittel philosophischen Grenzbewusstseins, in dem sich ein existentieller Anspruch und weiter ein Grundzug des Seinsbewusstseins überhaupt kundgibt"49.

Der zweite Grundgedanke des zweiten "Paares" ist also der der "Auslegung", von der wir soeben gesehen haben, dass sie als direktes Ergebnis des zweiten "Grundgedankens" auftrat. Jaspers bezieht aber gegen den von ihm selber konstruierten Grundgedanken der Auslegung kritisch Position. Es wird kritisch zur Sprache gebracht, dass in der konkretisierten positiven Form des "Willens zur Macht" die Idee der Welt als Ausgelegtsein auf eine merkwürdige Weise auf falsche Bahnen gelenkt wird. Es wird ein gravierender Unterschied, wenn nicht eben Widerspruch zwischen dem zweiten und dem fünften Grundgedanken festgestellt: "Was in Nietzsches Wahrheitsdenken ein sprechender Zirkel war, aus dem ständig von neuem die Bewegung hervorging, das wird in seinem Weltdenken am Ende zur Wiederaufhebung einer dogmatisch gewordenen Metaphysik des Willens zur Macht als der kämpfenden, jeweils geglaubten Auslegung: die Widersprüche werden hier lähmend und sind von einer toten Endgültigkeit, ohne einen neuen Ansatz zu bewirken, es sei denn den der Befreiung von dieser Metaphysik, sofern sie mehr sein will als ein mögliches, partikulares Gleichnis mit dem Sinn zu sehen, wie weit alles sich mit ihm verwandt fühlen könnte..."50. Den Tenor dieser Argumentation kennen wir bereits aus der Analyse des ersten Paares von den Nietzscheschen "Grundgedanken". Es ist eine Kritik der dogmatisch gewordenen Metaphysik auf der Basis einer (seiner!) existentialphilosophischen Position. Ein neues Element ist, dass er Nietzsche in einem illegitimen Gebrauch der Idee des "Auslegens" für schuldig hält: "Nietzsches Auslegung, die weiss, dass alles Wissen Auslegen ist, wird dieses Wissen in die eigene Auslegung durch den Gedanken hineinnehmen, dass der Wille zur Macht selber der überall wirkende, unendlich mannigfache Antrieb des Auslegens ist. Die Auslegung Nietzsches ist in der Tat eine Auslegung des Auslegens und dadurch für ihn von allen früheren, damit verglichen naiven Auslegungen, die nicht das Selbstbewusstsein ihres Auslegens hatten, geschieden"51.

Fasst man die Ergebnisse der Analyse des zweiten Begriffspaars (des zweiten und des fünften "Grundgedankens" Nietzsches) zusammen, so lässt sich folgendes feststellen: Einerseits liess sich die These von der merkwürdigen "Verdoppelung" der Grundgedanken auch in diesem Fall problemlos bestätigen, die Problematik der Wahrheit führte geradewegs in die der Auslegung. Jaspers inditifiziert die wahrheitstheoretische Konzeption der Auslegung mit der Metaphysik des Willens zur Macht bei Nietzsche und setzt sich kritisch mit dieser vermeinten Identität auseinander. Er bejaht die Wahrheitstheorie der Auslegung und verneint die positive Metaphysik.

Das dritte Paar der von Jaspers "verdoppelten" "Grundgedanken" Nietzsches ergeben ebenfalls angesichts der Tatsache der "Verdoppelung" ein klares Bild. Es ist nämlich ohne weiteres klar, dass der "Grundgedanke" "Geschichte/gegenwärtiges Zeitalter" und der der "Grosse(n) Politik" sowohl im Kontext des historischen Zeitalters Friedrich Nietzsches wie auch im Kontext des historischen Zeitalters von Karl Jaspers in der nächsten Nähe zueinander standen. Eine aufeinander bezogene Analyse der beiden "Grundgedanken" wird vor dem Horizont der heutigen Nietzsche-Diskussion beträchtlich erschwert, weil Jaspers bei seiner Rekonstruktion von Nietzsches historischem und politischem Denken auf die berüchtigte Nachlass-Edition von Elisabeth Förster-Nietzsche und Peter Gast angewiesen worden ist52. Uns scheint, dass die leitenden Perspektiven der Rekonstruktion dieser beiden "Grundgedanken" eine bestimmende Wirkung auf Karl Jaspers ausgeübt haben. So erscheint beispielsweise als Grunddiagnose der Gegenwart die These von der "Heraufkunft des europäischen Nihilismus", und zwar mit dem in der Nachlass-Kompilation vertretenen Stellenwert53. Der vierte "Grundgedanke" Nietzsches, der der "Grossen Politik" bereitet eine Lösung der Nihilismusproblematik vor. Inhaltlich weicht jedoch diese von Jaspers interpretierte Lösung Nietzsches von den handgreiflichen Suggestionen der berüchtigten Nachlass--Kompilation ab. Es muss ganz besonders hevorgehoben werden, dass der auf Nietzsche schauende Blick von Jaspers nicht einmal in der allgemeinen nationalen und internationalen Atmosphäre der dreissiger und der vierziger Jahre getrübt worden ist. Er stellt (auch auf der Textgrundlage der Nachlass-Kompilation) unbeirrt fest, dass sich Nietzsche die politischen Lösungen der Moderne ausschliesslich im Rahmen der demokratischen Politik vorstellen kann54.


Über die "generelleren" Zukunftsvisionen Nietzsches (die ja in der Nachlass-Kompilation im wesentlichen gefälscht worden sind) hat er nur folgendes zu berichten: "In allen diesen Zukunftsvisionen ergibt sich doch immer wieder als Letztes ein Punkt, an dem sie zerbrechen. Keine zeigt auf einen zukünftigen Weltbestand. Nietzsche denkt vielmehr alle Bedrohungen durch, die die Bestandlosigkeit seiner gegenwärtigen Welt aufdecken. Er zerstört die Scheinsicherheit, als sei die Welt durch Zielsetzungen im Ganzen in Ordnung. Die Ungewissheit, wohin alles treibt, wird sich hell, nicht die Gewissheit einer eindeutigen Führung" 55. Ebenfalls erstaunlich sicher nennt Jaspers die von Nietzsche auf die historische Situation gewählte Konsequenz, die die enorme historische Rolle der "schaffenden" Menschen in den Mittelpunkt stellt. Man kann etwa dieses Element bei Jaspers nur hinreichend anerkennen, wenn man es neben Bäumlers oder Heideggers entsprechende Ideen stellt. Gleichzeitig und beim Signalisieren des prinzipiellen Übereinstimmens schaut er aber

die pragmatisch-politische Schwäche dieser Nietzscheschen Konzeption scharfsichtig durch: "...hat Nietzsches grosse Politik die Zweideutigkeit: sie scheint in allgemeinsten Urteilen und Forderungen ein Handeln bewirken zu wollen, das den Menschen als Material einer bildenden Formung nimmt, um aus ihm etwas anderes, besseres, ein Wesen höheren Ranges zu machen; aber aus solchen Bestimmungen folgt noch kein konkretes Handeln, das unmittelbar zweckhaft mögliche Aufgaben zeigt, während das Wort Politik doch etwas zu versprechen scheint, das jetzt und hier zu geschehen hat"56.

Bei einer vorläufigen Zusammenfassung der Analyse des von Jaspers rekonstruierten dritten Begriffspaares ergibt sich, dass das sich philologisch stark auf die berüchtigte Nachlass-Kompilation orientierte Bild in Sachen der "Grossen Politik" inhaltlich zu Ergebnissen führt, die sich von den derben Suggestionen der gefälschten Kompilation grundsätzlich unterscheiden. Während die Kompilation (und später Bäumler und Heidegger) die "Grosse Politik" durchaus in der Begrifflichkeit der Alltagspolitik ihrer Zeit interpretieren, betont Jaspers einerseits den unerlässlichen demokratie-theoretischen Rahmen der Nietzscheschen politischen Ideen und andererseits das Element des notwendigen Wertewandels, den die "schaffenden" Individuen schöpferisch durchzuführen hätten.

Nach den drei "vorläufigen" Zusammenfassungen ist es Zeit, Jaspers` ganze Nietzsche-Interpretation als eine Einheit anzuschauen.

Die vorläufigen Zusammenfassungen, die sich aus den eingehenden Analysen der drei Begriffspaare (der sechs "verdoppelten" "Grundgedanken") stammen, sagen folgende Thesen aus:

1) die Problematik des "Willens zur Macht" ist existentiell (d.h. nicht metaphysisch);

2) die Idee der Auslegung ist ebenfalls existentiell (d.h. nicht metaphysisch);

3) die "Heraufkunft des Nihilismus" soll mit der "Grossen Politik" beantwortet werden, deren Inhalt ist aber schöpferisches Menschentum in einem demokratie-theoretisch bestimmbaren politischen Raum (d.h. kein Totalitarismus mit metaphysischer Untermauerung).

Fasst man nun diese drei Thesen als eine Einheit zusammen, so kann Jaspers' eigene These von dem "Aufruf"-Charakter seiner Interpretation (bei gleichzeitiger "sachlicher" Gültigkeit). Versucht man die von Jaspers abgelehnten Thesen mit Namen zu verbinden, so erscheinen zwei Philosophen auf dem Plan, die in Nietzsche einen Philosophen der Metaphysik des Willens zur Macht gesehen haben, die sie im Rahmen einer "Grossen Politik" zur Legitimation einer Diktatur in Anspruch nahmen, und zwar Alfred Bäumler und Martin Heidegger57.




1 Das neueste Werk ist Hugo Ott, Martin Heidegger. Unterwegs zu einer Biographie. 1989.

2 Generell laesst sich bis heute aussagen, dass weder die Heideggerschen Nietzsche-Deutungen, noch ihre wesentlichsten philosophischen Schwerpunkte oder gar deren Einbettung in die Zeitgeschichte in der Forschung adaequat zum Thema geworden sind. Mit grosser Verallgemeinerung bedeutet es etwa, dass in den leitenden Paradigmen nach „Sein und Zeit” unmittelbar und plötzlich die Sprache und die Technik, die zweitausendjaehrige abendlaendische Zivilisation und die planetarische Problematik folgt.

3 „Die Veröffentlichung möchte, als Ganzes nachgedacht, zugleich einen Blick auf den Denkweg verschaffen, den ich seit 1930 bis zum ‘Brief über den Humanismus’ (1947) gegangen bin.” S. Die „Einleitung” aus dem Jahre 1961, in: Martin Heidegger, Nietzsche. Pfullingen, 196l. Band I. . S. 5. - An diesem Zeitpunkt betont Heidegger die Bedeutung der Nietzsche-Vorlesungen so sehr, dass er diejenigen anderen Vortraege und Texte den Titeln nach anführt, die die Bedeutung der Nietzsche-Vorlesungen nicht erreichen.

4 Es geht dabei einerseits um den Stand der Nietzsche-Forschung überhaupt, welche trotz ihrer enorm vielen Einzelergebnissen für die breitere geistige Öffentlichkeit kein leicht verfolgbares Gesamtbild über Nietzsches Philosophie bietet, was mit Selbstverstaendlichkeit nach sich zieht, dass diese Öffentlichkeit sich in aeusserst schwieriger Lage sehen muss, über die Berechtigung oder Nicht-Berechtigung des gegen Nietzsche aufgebrachten Faschismus-Verdachtes Stellung zu nehmen. Andererseits produzierte die Nietzsche-Forschung bis jetzt auch noch nicht genügende Arbeiten, um den politischen Missbrauch Nietzsches allseitig aufzuzeigen. Die Auffassung dieser Arbeit gründet sich auf unsere Arbeit „Nietzsche, Baeumler oder die Möglichkeit einer positiven politischen Metaphysik”, Annales Universitatis Scientiarum Budapestiensis de Rolando Eötvös. Sectio Philosophica et Sociologica. Tomus XVI. Budapest, 1982, 157-175.

5 Ich berufe mich dabei auf Otts Werke, auf mündliche Aeusserungen von Forschern wie Otto Pöggeler, insbesondere aber auf Mitteilungen und Dokumente von Detlef Piecha (Hagen).

6 Heute gibt es kaum wissenschaftliche Stimmen mehr, die die sog. Rektoratsrede, sowie die damit verbundenen politischen und wissenschaftspolitischen Ansprüche Heideggers nicht als Identifizierung mit dem Dritten Reich ansehen würden. Fraglich blieb aber weiterhin, wie lange dieses Engagement dauerte und noch staerker, ob dieses Engagement philosophische Konsequenzen haette und wenn ja, welche. Unser Versuch, Heideggers Nietzsche-Deutungen in diesem Zusammenhang anzuklopfen, versteht sich als ein Schritt, diese beiden letzteren Fragen zu lösen. Weder Heideggers tatsaechlich schwierige philosophische Problematik und Sprache, noch sein bewusstes Verhalten, die diesbezüglichen Spuren zu verwischen, erleichtern jedoch diese Arbeit.

7 Wir denken vor allem an Georg Lukács' „Die Zerstörung der Vernunft”, bzw. an dessen Irrationalismus-Begriff, den wir als gaenzlich ungeeignet ansehen, diese offiziell-ideologische Realitaet zu begreifen. Darüber am ausführlichsten s. Endre Kiss, „A pozitiv politikai metafizika rekonstrukciója”, in: Valóság, 1989/6. 28-39.

8 Karl Löwith, Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Ein Bericht. Stuttgart, 1986. S.82.

9 Dieter Grimm, „ Die ‘Neue Rechtswissenschaft’. Über Funktion und Formation nationalsozialistischer Jurisprudenz”. in: Wissenschaft im Dritten Reich. Herausgegeben von Peter Lundgren. Frankfurt am Main, 1985. S. 47.

10 Wir gründen diese Feststellung auf unsere breit gestreute Lektüre der philosophischen, aber auch der paedagogischen und ideologischen Literatur des Dritten Reiches. Baeumlers Sprache der positiven politischen Metaphysik ist in diesem Material nicht nur weitgehend verwendet und in Anspruch genommen, sondern auch bis zum Ende der Periode auch statistisch weit über jeder anderen möglichen Version nationalsozialistischer Ideologienbildung.

11 Hugo Ott, Martin Heidegger. Unterwegs zur Biographie, 140.

12 Frühere Arbeiten des Verf. über die positive politische Metaphysik: „Positive politische Metaphsyik als Grundstruktur faschistischen Denkens”, in: Traditionen und Traditionssuche des deutschen Faschismus. Halle/Saale, 1987, „Zum Begriff der positiven politischen Metaphysik”, in: Recht - Politik - Geschichte. Wien, 1988 sowie „Im Schnittpunkt von Sozialphilosophie und Sozialpsychologie. István Bibó's Beitrag zur Theorie über den Faschismus”, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie, Vol. 1988 LXXIV/Heft 1., 1 Quartal, 73-82.

13 Es ist eine Tatsache von grosser Tragweite, dass der bisher immer „jenseitige”, transzendente Gehalt der Metaphysik „diesseitig” wird, was soviel bedeutet, dass jeder politische, soziale Gehalt als metaphyisches Prinzip aufgefasst und angesehen werden kann. So kam es schon früher in bestimmten Sphaeren der Gesellschaft zu einer Metaphysik des „Blutes”, der „Rasse”, des „Führers” etc. Waehle man den Inhalt, den man eben will, die Kriterien der positiven politischen Metaphysik können auch erfüllt werden.

14 Nicht aus der Geschichte wird Metaphysik in diesen Nietzsche-Vorlesungen, sondern die Geschichte kann nur optimal werden, wenn sie richtig, d.h. im Zeichen der Metaphysik verstanden und praktisch gestaltet wird (das folgende Beispiel beweist unter anderen auch noch, dass Heidegger sich auch noch 1940 offen mit den nazistischen Kriegszielen identifizierte): „Nur wenn das beginnende Zeitalter ohne Vorbehalt und ohne Verschleierung auf diesen Grund zu stehen kommt, vermag es den ‘Kampf um die Erdherrschaft’ aus jener höchsten BEWUSSTHEIT zu führen, die dem Sein entspricht, das dieses Zeitalter traegt und durchwaltet.” (II, 26l.) - Selbst Jean Wahl, der Verteidiger Heideggers bemerkt diese Eigenschaft seiner Philosophie: „Heideggers Auffassung unterscheidet sich betraechtlich von der Hegels, denn für ihn gibt es nicht Fortschritt, nicht Verfall...' („L'idée d' étre chez Heidegger”, 1951. S. 78.). -

15 Sei hier die antiwissenschaftliche Tendenz der positiven politischen Metaphsyik am Nietzsche-Philologen Martin Heidegger exemplifiziert! 1936-1937 zieht er beispielsweise den simplen Sinn einer historisch-kritischen Nietzsche-Ausgabe in Zweifel: „Diese historisch-kritische Gesamtausgabe, die jetzt begonnen ist, bleibt in ihrer Anlage zweideutig: 1. Als historisch-kritische Gesamtausgabe, die alles und jedes Auffindbare bringt und vom Grundsatz der Vollstaendigkeit geleitet ist, gehört sie in die Reihe der Unternehmungen des 19. Jahrhunderts. 2. In der Art der biographisch-psychologischen Erlaeuterung und der gleichfalls vollstaendigen Aufspüren aller ‘Daten’ über das ‘Leben’ Nietzsches und die Meinungen seiner Zeitgenossen dazu, ist sie eine Ausgeburt der psychologisch-biologischen Sucht unserer Zeit.” (I. 18.) - Man braucht dazu gewiss kein Nietzsche-Forscher zu werden, um hinter diesen scheinbar prinzipiellen Einwaenden die generelle Anti-Wissenschaftlichkeit Heideggers zu entdecken: Einerseits geht es um ein Lebenswerk, welches bis Heideggers Zeit nur in bruchstückhafter und gefaelschter Form da war, so dass eine historisch-kritische Gesamtausgabe in diesem Fall eine primaere und gleichzeitig triviale Forderung sein musste. Andererseits sollte allein schon wegen Nietzsches mehrfachen Krankheiten eine nicht einseitige biographisch-psychologische Annaeherung ebenfalls eine Selbstverstaendlichkeit sein.- Gleichzeitig tritt Heidegger gegen die interpretatorische Bedeutung des Nachlasses auf (I,18.), aus Nietzsches „fröhlicher” Wissenschaft laesst er in seiner Analyse die „Wissenschaft” völlig verschwinden und aus dem „Fröhlichsein” wird bei ihm der Satz „incipit tragoedia”! - Ebenfalls offen antiwissenschaftlich ist sein folgender Satz: ”Wer Nietzsche ist, erfahren wir niemals durch einen historischen Bericht über seine Lebensgeschichte, auch nicht durch eine Darstellung des Inhaltes seiner Schriften.” (I. 473). - Vergegenwaertigen wir es: Es handelt sich doch um einen Philosophen, den man bis Martin Heidegger fast nur gefaelscht und missdeutet hatte. Eine Konsequenz dieser Stellungnahme ist beispielsweise, dass selbst Nietzsches Krankheit eine zufaellige und der ernsthaften Forschung unwürdige Angelegenheit ist (I. 473.). Ist es aber so, dann werden auch die Verfaelschungen der Wahnsinnstexte von ihm direkt legitimiert!

16 Wieder ein Beispiel aus dem Umkreis Heideggers nehmend, ist leicht einzusehen, dass in den Nietzsche-Vorlesungen über Politik eigentlich überhaupt nicht die Rede ist. Vom „Führer” bis zum „Kampf um die Erdherrschaft” erscheinen politische Fragen ohne Ausnahme als metaphysisch.

17 Die Auffassung des Willens zur Macht als Seinsgesetz bleibt trotz allen eher geringen Verschiebungen und Modifizierungen der Vorlesungen unveraendert. Als jedoch Heidegger spaeter schreibt: „Diese Wirklichkeit des Willens zur Macht laesst sich im Sinne Nietzsches auch aussagen durch den Satz: ‘Gott ist todt'”, veraendert er drastisch und gewiss ganz bewusst seine ursprüngliche Intention (der politischen positiven Metaphysik) - was jedoch überhaupt nicht als Einzelfall gedacht werden kann. Das ist wieder sehr charakteristisch, wie Heidegger aus diesem - wie gesagt - die ursprüngliche Realitaet auf den Kopf stellenden Satz sofort ihn entlastende Konsequenzen zieht. (Das Rektorat 1933/34. Tatsachen und Gedanken. Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main. 25.) - Ein aehnliches Beispiel, in dem man auch Heideggers brillante und unausrechenbare Selbstverteidigungsstrategie zu studieren waere, ist, dass er die Einwaende des Ministers Wacker ausführt, die besagen würden, dass man schon aus der Rektoratsrede „Oppositon herausspürte”. Einer dieser Einwaende thematisierte, dass die Rede nicht „auf dem Rassegedanken aufgebaut” worden waere. Hier treibt Heidegger ein mutiges und grosszügiges (moralisch aber keineswegs unangefochtenes) Spiel damit, dass Minister Wacker ihn wegen der einen Art der politischen Metaphysik (der Rasse) zur Rechenschaft gezogen hat, waehrend er in seiner Rektoratsrede eine andere umfassendere Art der positiven politischen Metaphysik in Anspruch nahm (die politische Metaphysik des Willens zur Macht als Seinsgesetzes). Dieses Beispiel zeigt auch die zaehe und entschlossene Art, wie sich Heidegger meistens am liebsten in den Kreisen der höheren Philosophie verbleibend zu verteidigen wusste, es zeigt aber vielleicht auch die Notwendigkeit der Einführung des Begriffs der positiven politischen Metaphysik in diese Diskussion. Sucht man naemlich immer nur den konkreten Gehalt einer positiven Metaphysik (wie beispielsweise Blut, Rasse usw.), wird es möglich sein, dass mangels solcher konkreter Elemente man die umfassenderen und abstrakteren Arten der positiven Metaphysik überhaupt nicht wahrnimmt und dadurch an der historischen und theoretischen Realitaet mit dem besten Gewissen vorbeigeht.


18 Jean Wahl, Critique. April 1956, Paris, S. 354

19 Ebenda.

20 Dies gilt mit der Ergaenzung, dass die von Baeumler inaugurierte positive politische Metaphysik sich als faehig erwies, saemtliche andere Arten der politischen positiven Metaphysik als Sammelbecken aufzunehmen. So konnte man innerhalb dieses Paradigmas bald von der Metaphysik des Führers, bald des Blutes, bald der Rasse und so weiter reden, was auch eine gewisse ideologische Elastizitaet ermöglichte.

21 In anderen Arbeiten zeichneten wir die Hauptlinie der nationalsozialistischen Nietzsche-Rezeption nach, so dass wir beispielsweise über Haertle's gegen Baeumler gerichtete Nietzsche-Buch gut unterrichtet sind. Nichtsdestoweniger halten wir die These aufrecht, dass es letzten Endes doch Baeumler es war, der sich insbesondere in der ersten Haelfte dieses Staates ideologisch als bestimmend erwies.

22 Damit wollten wir darauf hinweisen, dass oft immer noch die sich moralisch rechtfertigen müssen, die kritisch zum Heidegger dieser Epoche verhalten und nicht die, die affirmativ zu diesem Problem stehen.

23 Eine solche Darstellung des jungen Nietzsche verraet aufs deutlichste, dass Heidegger um das entscheidende anti-metaphysische Potential Nietzsches durchaus gründlich weiss, um einen Nietzsche, der in seinen Nietzsche-Vorlesungen im Dritten Reich überhaupt nicht in Erscheinung kommt.

24 „Die Lehre von der ewigen Wiederkunft des Gleichen gehört mit der Lehre vom Willen zur Macht aufs innigste zusammen. Das Einheitliche dieser Lehre sieht sich selbst geschichtlich als Umwertung aller bisherigen Werte.” (Martin Heidegger, Nietzsche. Pfullingen, 1961. Band I, 26.)

25 Nietzsche, I. 30.

26 Nietzsche, I. 475.

27 Nietzsche, I. 477.

28 Ebenda, I. 477.

29 Nietzsche, I. 643.

30 Nietzsche, II. 261.

31 Ebenda.

32 „Wahrheit wird zur Gerechtigkeit im Sinne der befehlshaften Einschmelzung des Sichbefehlenden in den Drang seiner Überhöhung...Das anfaengliche Wesen

33der Wahrheit ist in einer Weise verwandelt, dass die Verwandlung einer Wesensbeseitigung...gleichkommt.” (Nietzsche, II. 19.).

Nietzsche, II. 399.

34 Ein Beispiel: Nietzsche, II. 260.

35Wir können in diesem Zusammenhang nur eine allgemeine Antwort auf eine Frage nach den Gründen dieser philosophischen Entwicklung geben. Im allgemeinen kann die Antwort keine andere sein, als die, dass die langjährige Hegemonie der neokantianischen Schulen im Bereich der akademischen Philosophie die Relation dieser akademischen Philosophie zur historischen und sozialen Wirklichkeit so verdünnt hatte, dass ab den zwanziger Jahren eben diese ganzheitlichen Nietzsche-Deutungen als Möglichkeiten von umfassenden Antworten auf die auf die Philosophie von allen Ecken und Enden hereinstürzenden neuen Herausforderungen erlebt und ausgearbeitet worden sind.

36 Karl Jaspers, Nietzsche. Einführung in das Verständnis seines Philosophierens. Vierte unveränderte Auflage. Berlin - New York, 1981. 297.

37 Nietzsche, 310. - Es ist durchaus wichtig, dass Jaspers selbst DIESE, von ihm selber rekonstruierte philosophische Konzeption nicht gutheisst, er ist als Philosoph mit der von ihm letztlich rekonstruierten Nietzscheschen Grundposition nicht einverstanden: "Nietzsche, der alles in seiner Kraft Liegende tat zur Eröffnung und Offenhaltung des Möglichen, zum Aufschliessen jeder Perspektive, zum Erblicken der unendlichen Interpretationen, scheint so am Ende wieder zuzuschliessen (!) durch Verabsolutierung (!) eines Einzelnen. Statt aus dem grossen, befreienden Fragen, das keine allgemeine Antwort mehr findet, zurückzuweisen in die Geschichtlichkeit der jeweils gegenwärtigen, urspünglichen Existenz, scheint er vielmehr doch eine allgemeine Antwort zu geben, wenn er das eigentliche Sein substantiiert zum Willen zur Macht" (EBENDA). - Diesem Satz geht die angedeutete Differenz zwischen (dem von Jaspers rekonstruierten) Nietzsche und (dem Existenzialphilosophen) Jaspers klar hervor. Uns ist, dass an diesem Punkt der Philosoph Jaspers nicht so sehr dem Philosophen Nietzsche, vielmehr dem philosophischen Interpreten Jaspers etwas vorzuwerfen hätte, denn uns scheint, dass Nietzsche kein Philosoph einer positiven Metaphysik gewesen ist. Nebst zahlreichen deutschen Publikationen des Verfassers s. darüber Endre Kiss, Friedrich Nietzsche filozófiája. Budapest, 1993.

38 Karl Jaspers, Nietzsche, 8. ("Vorwort zur zweiten und dritten Auflage", 1946 und 1949).

39 Nietzsche, 123.

40 Ebenda, 144 und 145.

41 Ebenda, 145-146.

42 Ebenda, 331 (Sperrungen im Original - E.K.)

43 Ebenda, 338. - Charakteristisch ist die Fortsetzung dieses Gedankens: "Aber, wenn die Darstellung unausweichlich psychologischer Mittel sich bedient, so liegt es immer auch nahe, die Zustände fälschlich in bloss psychische Tatbestände sich verwandeln zu lassen" (Ebenda).

44 Ebenda, 349.

45 Ebenda

46 Ebenda, 345. (Sperrungen nicht im Original - E.K.)

47 Nur am Rande sei vermerkt, dass der Verf. dieser Zeilen mit diesem auf Nietzsche bezogenen Wahrheitsbegriff nicht einverstanden ist (s. die entsprechenden Teile u.a. der Monographie Friedrich Nietzsche filozófiája a.a.O.)

48 Nietzsche, 184. (Zweite Sperrung nicht im Original - E.K.

49 Ebenda, 187. (Sperrungen im Original- E.K.)

50 Ebenda, 330.

51 Ebenda, 299. - Unter dem Aspekt der philosophischen Systematisierung verdient es unser Interesse, dass Jaspers Nietzsches "Positivierung" des Auslegens, d.h. seine (vermeintliche) Arbeit an einer neuen Metaphysik mit dessen (tatsächlich antimetaphysischen) Kritik an der Zweiweltentheorie in Verbindung bringt: "In der Kritik der Zweiweltentheorie hat Nietzsche nur deren Gestalt als grobe rationale Zweiteilung zum Gegenstand gewonnen, worin in der Tat das leere Jenseits oder das Nichts hervorgeht..." (Ebenda, 330). An dieser Stelle sei wieder darauf hingewiesen, dass wir mit der Interpretation Nietzsches als eines Metaphysikers nicht einverstanden sind, während seine Kritik an der Zweiweltentheorie tatsächlich ein durchaus relevanter Zug in Nietzsches Denken ist.

52 Es sagt aus diesem Grunde durchaus viel, dass sich Jaspers dieser Problematik schon bei der Abfassung seiner Nietzsche-Interpretation voll bewusst war: "Da aber der Nachlass, der nicht weniger Gewicht hat, nur vorläufig veröffentlicht ist, in Ordnungen, die meistens von den Herausgebern stammen..., bleibt hier eine Schwierigkeit, die einer reinen Lösung offenbar unfähig ist" (Ebenda, 464-465).

53 "Nietzsches Grundthesen von der Heraufkunft des Nihilismus, von dem >Gott ist tot< und der Bewegung des Menschen auf eine noch nie dagewesene Umwälzung zu...sind von unheimlicher Eindringlichkeit (!); sie entwurzeln jeden Grund einer Ruhe in der Welt..." (Ebenda, 250.)

54 Damit gehört Karl Jaspers zu den bis heute äusserst wenigen Nietzsche-Interpreten, die Nietzsches engere politisch-philosophische Leistung strikt und ausschliesslich nur im demokratie-theoretischen Rahmen denken können.

55 Ebenda, 270.

56 Ebenda, 285. - Damit, als Verallgemeinerung dessen, eröffnet sich aber auch ein neues theoretisches Feld. Jaspers nennt hier nämlich das kruziale Problem jeder politischen Bewegung, die um ihre Ziele zu realisieren bestimmte Veränderungen in den Wertvorstellungen oder generell "im Menschen" voraussetzt. Die notwendige "Langfristigkeit" des notwendigen Wertewandels und die ebenso notwendige "Kurzfristigkeit" der politischen Alltagspraxis bereiten bis heute ein theoretisch wie praktisch kaum aufzulösendes Dilemma.

57 An dieser Stelle soll an die bis jetzt auf deutsch publizierten Arbeiten des Verfassers dieser Zeilen über die Nietzsche-Deutung Heideggers und Bäumlers mit Nachdruck hingewiesen werden.